Mein Romanerstling ist erschienen: Nanogambit

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Inhalt und Hintergrund

Der Tübinger Naturwissenschaftler Andries Niemetz macht eine bahnbrechende Entdeckung im Bereich der Nanotechnologie, die den Lauf der Weltgeschichte verändern könnte. Skeptisch gegenüber universitären Ethikräten und staatlicher Regulierung forscht er im Geheimen. Doch nach einem Diebstahl wird dem Professor bewusst, dass seine Erfindung die Büchse der Pandora geöffnet hat. Der von Niemetz beauftragte Privatdetektiv Mennet jagt dem Material in Istanbul und Budapest hinterher, während der Professor in Tübingen die Grenzen der Wissenschaft aufgezeigt bekommt.

Ein Roman über Ethik in den Wissenschaften und die Gefahren der Forschung.
Hintergrund dieses Romans ist eine naturwissenschaftliche Debatte aus den 1980er Jahren, die damals noch utopisch war. Mit dem rasanten wissenschaftlich-technischen Fortschritt – auch und gerade in der Nanotechnologie – steht die einstige Utopie nah an der Schwelle zur Realität. 2016 gewannen Jean-Pierre Sauvage, Fraser Stoddart und Bernard Feringa den Nobelpreis für Chemie. Sie entwickelten Nanomaschinen aus Molekülen.

Leseprobe: Dieringer – Nanogambit

1 Unumkehrbar

Es war nicht wie sonst, als er wegwollte, aber nicht vom Fleck kam. Eher das Gegenteil: Jemand wollte im REM-Schlaf die Initiierung verhindern, doch die Erfindung machte sich selbständig, sie zischte hinaus in die Weltgeschichte wie ein losgelassener Luftballon, furzend, unkontrolliert und unaufhaltsam. Andries Niemetz wachte auf, feucht wie ein mit schwacher Hand ausgewrungener Waschlappen. Es macht keinen Sinn mehr, es immer wieder hinauszuschieben, den Zweifeln und der Angst vor der eigenen Courage nachzugeben. Der Professor hatte den Tag im Kalender mit einem grauen Filzstift umrandet. War das Zufall? Grey goo, die graue Schmiere! Die Vernichtung allen biologischen Lebens auf der Erde, eine Ökophagie, verursacht durch Nanoroboter, die exponentiell wachsen und dabei alle Materie für ihre eigene Reproduktion verbrauchen. Maschinen, die aus den Fugen geraten, die sich selbständig machen wie ein Pubertierender, sich der Kontrolle von Eltern und Lehrern entziehend.

Grey goo war nur einer seiner vielen Albträume und nur eine der Gefahren, die wie Damoklesschwerter über der Erfindung baumelten. Schwachsinn! Hatte nicht auch Eric Drexler höchstselbst bereut, den Begriff ‚Grey goo‘ überhaupt in die Welt gesetzt zu haben? Untergangsszenarien von Kultur- und Wissenschaftspessimisten, konservativen ‚Bewahrern‘, die nicht kapiert hatten, dass Bewahrung zum Stillstand führt und Stillstand erst zum Rückschritt, dann zur Implosion. Was die Menschheit forschen kann, wird sie forschen, wenn nicht er, dann irgendjemand im Reich der Mitte, im Silicon Valley oder in einem hermetisch abgesperrten Labor in der Negev-Wüste. Deutschland, das Land der Bedenkenträger, vielleicht hätte er sich doch für Berkeley entscheiden sollen und nicht für Tübingen und die Bundesrepublik, mit dem ganzen Knäuel an erstickenden Regularien und Ethikräten. Es hatte schon viel Kraft gekostet, sie zu umgehen, wieviel mehr Energie hätte es gekostet, den offiziellen Weg zu gehen?

Der Professor verzichtete auf das Frühstück und fuhr durch den Schneematsch des nur noch zuckenden Winters ans Institut. Es war noch keine sechs Uhr am Morgen, als er seiner Versuchsanordnung mit einem banalen Druck auf einen Schalter Leben einhauchte.

2 Verspielt

Es ging um die Wurst – und er war das Würstchen, dessen Restlebenszeit auf einer scharf geschliffenen Klinge über dem Abgrund der Verstrickung jonglierte. Er hatte den anderen unterschätzt, mea culpa, mea culpa! Das Herz trommelte wie Keith Moon zu seinen besten Zeiten einen über den Durst. Als er Schritte hörte, laut wie das durchziehende Spätsommergewitter, vollzogen seine Nackenhaare einen Hochsprung in die Vertikale. Er hatte geglaubt, nur vor der Polizei fliehen zu müssen. Fataler Irrtum! Mit dem Hades und seinen Kreaturen aus der Büchse der Pandora hatte er nicht gerechnet. Aber ja doch, er hatte den Teufelspakt nicht eingehalten, nicht einhalten können. Zu dumm! Der Feind meines Feindes ist mein Freund, warum war er nicht früher draufgekommen. Man hätte einen Deal machen können, ein Positivsummenspiel, nur Gewinner. Aber die hier hatten kein Mandat zum Verhandeln.

Er spürte ihre Schatten auf der Haut seines Gewissens. Kein Zweifel: Sie waren hinter ihm her, die Aasverwerter der Gesellschaft. Im trippelnden Schritt des Blitzgealterten ging es durch den alten botanischen Garten. Seitenstechen, ein hämischer Gruß der Leber, die zuckte wie eine frische Jakobsmuschel aus der Bretagne, sich vergeblich dem Sauerstoff der Luft und der Säure der Zitrone erwehrend. Im Reservemodus ging es durch die graffitiverschmierte Unterführung mit der Kinowerbung, hechelnd am Bach entlang, vorbei am weißen Buch aus Stein. Jetzt, in der Zeit größter Not, fiel ihm auf, dass er nicht einmal den Namen des Baches kannte. Weiter, nur nicht stolpern, mit dem lädierten Knie. Auf dem Zahnfleisch unter dem Fachwerkhaus hindurch, nur noch zwei Ecken, durch das Tor in die bewehrte Zuflucht des Priesterseminars, wo ihm ein alter Bekannter der Familie mit einem unappetitlichen Laster Unterschlupf gewähren würde, einen Cordon sanitaire für den Augenblick. Er würde weg müssen aus dieser Stadt, diesem Land, von diesem verfluchten Kontinent, der mittlerweile sogar kriminaltechnisch zusammenwuchs. Ein neues Leben, fernab von diesem Wahnsinn. In Südostasien sollen sie einen angeblich in Ruhe lassen, solange man zahlt. Er würde noch einmal raus müssen, den Zugriff auf die Finanzen sichern. Er würde es bekommen, das Fluchtgeld, und dann vorbei an den Dummköpfen von Polizei und LKA und wie sich die ganze Mischpoke an Steuerzahlergelder verschwendenden Diensten nannte. Vor den schattenspendenden Palmen standen leider kirchturmhohe Hürden.

Willkommen in der traurig-profanen Realität. Schweiß schmierte eine Lage Salz auf seine Haut. Hieß der Bach nicht Ammer? Das Projektil nahm Obhut im Metabolismus des Flüchtenden, schlug ein faustgroßes Loch in den Oberkörper und warf den Mann in den Staub. Die Erkenntnis ließ eine ungehörig lange Weile auf sich warten, um dann ungebremst einzuschlagen wie ein Meteorit auf einen Planeten ohne Atmosphäre. Nur die herannahende Ohnmacht kümmerte sich um das Opfer – und das Kino des Lebens begann mit dem Vorspann abzulaufen.

3 Von Fall zu Fall

Theo Mennet gehörte zu den Menschen, die die Bude nachts verrammeln, die Rollläden auf blickdicht und den Schlüssel im Schloss. Das war gut gegen Einbrecher und gegen unerwünschte Sonnenstrahlen in der Herrgottsfrühe. Er tappte im Dunkeln zum Lichtschalter, Oberkörper frei und die Pyjamahose als Solitär auf Halbmast. Immer im schönsten Traum, verdammter Dünnschiss noch mal, das war eine ausgemachte Verschwörung. Ein Druck mit dem Daumen, aber die moderne Glühbirne schien es sich erst einmal zu überlegen, bevor sie verzögert den Tag simulierte. Er schloss geblendet die Augen und fummelte nach dem Hörer. Sein in die Muschel gegähntes ‚Ja’ klang mehr wie ein Stoßseufzer als wie ein Willkommensgruß.

Am anderen Ende der Leitung meldete sich eine angenehme Stimme, sonor, man hörte ihr den Schliff des gehobenen Bildungsbürgertums an, eine geschulte Stimme, voll im Safte, die zu erschallen pflegte, den Raum füllend, ausgreifend. Unter anderen Umständen war sie bestimmt von Selbstbewusstsein erfüllt. Heute klang ein gewisser Bodensatz an pikiertem Zögern mit. „Herr Mennet, Theo Mennet?“ „Ja, am Apparat.“ Mennet klang genervt. Wenn man auf neue Kunden wartet, sollte man besser nicht genervt klingen, das war ihm in den Tiefen seiner erst im Vorglühen begriffenen Synapsen schon klar. Er biss sich leicht auf die Zunge, bis ein sachter Schmerz sich kitzelnd meldete. Das Problem war, neben der doch recht frühen Stunde, dass ihn seit Wochen ein Vertreter von Maison Vins de Bordeaux am Telefon terrorisierte, zu fast jeder Tageszeit, sieben Tage die Woche, so ein Marktschreier mit fehlender Mundbremse und Keramiklächeln. Nur einmal hatte er den Fehler gemacht und etwas bestellt. Warum auch nicht? Er brauchte ein Geschenk für einen guten Kunden. Davon gab es nur wenige in Theos altmodischer Karteikartenbox, also musste man die wenigen wenigstens pflegen. Bordeaux macht sich immer gut. Privat war Theo eher der Biertyp, abzulesen an der leichten Schwellung über dem Hosenbund. Kein Grund für die penetrant nachgefragten Folgebestellungen, weil weder Eigenkonsum noch Kundenbetreuung in die entsprechenden Quantitäten neigten. Theo hatte gedroht, gefleht, geschrien, bis sich sein Arsenal an Flüchen in der Begrenztheit der deutschen Sprache erschöpfte. Es war ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit, ein Kapitalverbrechen für Menschen, die keine Zeit zu verschenken haben. Nicht, dass Mennet überbeschäftigt gewesen wäre. Keineswegs. Am Ende war der Detektiv die Plage dann doch noch losgeworden, als er dem Drückerrabauken in morgenländischem Tonfall zu verstehen gab, Mennet sei ausgezogen, er wiederum sei Herr Hussein. Auf die Nachfrage, ob er denn an Rotwein von der Rive gauche interessiert sei, antwortete Theo mit ‚nix Rotwein, ich Muselman’. Der Papagei legte ohne Abschiedsgruß auf. Allah akbar!

„Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie so früh anrufe“, wurde vom anderen Ende der Leitung etwas zögerlich verlautbart. Definitiv kein Vertreter, die entschuldigen sich nie. „Mein Name ist Andries Niemetz, Professor Andries Niemetz.“ Theo ließ seine Blicke schweifen und zog am Rollladen, die Kuckucksuhr aus den Beständen der reichlich blanken Erbtante zeigte acht Uhr am helllichten Morgen. Die ersten brutalen Sommersonnenstrahlen hatten es über die maroden Häuser Kreuzbergs geschafft und tauchten das Einzimmerappartement in ein diffuses Licht. So, ein Wissenschaftler also, schon wieder. Theo gähnte heimlich in seine Hand und rieb sich Augenbutter aus den Augenecken, um sie anschließend genüsslich zwischen Daumen und Zeigefinger zu verschmieren. „Herr Mennet? Sind Sie noch am Apparat?“ „Klar, schießen Sie nur los, Professor.“ Mennet klemmte das altertümliche Gerät gähnend zwischen Schulter und Ohr, er war jetzt aufnahmebereit. „Ich brauche einen Privatdetektiv und Sie sind mir empfohlen worden, von Doktor Schippke.“

Schippke? Scheiße! Das war ein Fall, an den Theo auf gar keinen Fall erinnert werden wollte. Heiliger Strohsack! Er hatte ihn schließlich eigenhändig vermasselt. Ein typischer Nachbarschaftsstreit über den Gartenzaun hinweg, Typ Frucht der Erkenntnis wuchert über die Grenzlinie, mit der Folge beidseitiger rektalbasierter Beleidigungen. Mennet hatte sich angeschlichen und die Ausführungen des Nachbarn heimlich mitgeschnitten. Leider vergaß er, die kaum hörbaren Erwiderungen Schippkes vom Beweisband zu löschen. Der Anwalt des wegen Beleidigung Angeklagten wurde auf das Grummeln im Hintergrund aufmerksam. Er ließ die Aufnahmen in die Technik bringen und förderte eine im Ausdruck zwar gehobene, aber strafrechtlich immer noch relevante Gegenattacke ans Tageslicht. Der jugendlich wirkende Richter mit dem pseudo-modischen Stufenhaarschnitt à la Junge Union schlug vor, die beiden Streithähne mögen ihn mit solchen Dingen verschonen, sich verdammt noch mal auf gutnachbarschaftliche Beziehungen einigen oder ansonsten zur Fernsehrichterin Barbara Salesch gehen. Wer hätte dem braven Seitenscheitel derart Humorvoll-Treffendes zugetraut? Der Richter stellte das Verfahren ein, die Kosten hatten die beiden Kontrahenten ‚brüderlich’ – das waren bei der Urteilsverkündung tatsächlich seine Worte – zu teilen. Seitdem war Frieden eingekehrt im Hause seines Auftraggebers. Es war ein kalter Frieden, aber der Fall war mithin gelöst, allerdings nicht zur Zufriedenheit des Wissenschaftlers, seines Zeichens beschäftigt an einer Berliner Universität. Dass Schippke ihn trotzdem weiterempfohlen hatte, war, gelinde gesagt, überraschend, auch etwas befremdend. Na gut, er hatte kein Honorar verlangt. Trotzdem, Dr. Bernard Schippke rotierte damals vor Wut und tunkte den bemitleidenswerten Detektiv in eine zornige Suada. Erst die Aussicht auf Rückzahlung der Vorkasse und der Spesen, also Appeasement in reinster Form der unseligen Neunzehndreißigerjahre, hatte ihn in einen Zustand der Tranquilität zurückversetzen können. Zen, man, Zen!